Elf Jahre nach dem ersten Protestmarsch, der das Thema geschlechterspezifische Gewalt in Argentinien auf die Tagesordnung brachte, richtet sich die Bewegung weiterhin an Institutionen, Gemeinden und glaeubige Menschen. Reflexionen aus dem Evangelium ueber “falsche Anschuldigungen”.

¿Was machen wir mit dem Schmerz, der nicht benannt wird? In diesem Jahr gewinnt diese Frage an besonderer Bedeutung. Agostia Vega war vierzehn Jahre alt. Sie verschwand an einem Samstag in der Nacht in Córdoba und ihre Familie begab sich sofort auf die Suche nach ihr. Sie meldeten den Vorfall, klopften an Tueren und gaben genau an, wo sie hingegangen war und dennoch waren die Anzeige noch die Suche mit dem Leitsatz “Alerta Sofia” rechtzeitig aktiv.
Der Staat kam zu spaet. Die Polizei hatte andere Prioritaeten: Die Absicherung eines Fussballspieles. Als sie ihren Koerper eine Woche spaeter fanden, staellte sich der fuer den Fall zustaendige Staatsanwalt vor die Kameras und entschied ein entscheidenendes Wort fuer diese Tat wegzulassen: Femizid. Die hegemonialen Medien taten, was sie gewoehnlich tun und nahmen Angostias Leben unter die Lupe, stellten ihre Mutter in Frage und machten den mutmasslichen Moerder zu einer Randnotiz.
Claudio Barrelier, der Mann, der beschuldigt wurde, hatte ein Jahr zuvor einer anderen Frau unrechtmaessig ihre Freiheit beraubt. Die Justiz liess ihn frei. Agostina hatte dafuer mit ihrem Leben bezahlt. Es gibt Fragen darueber, ueber moegliche Verbindungen zwischen denen, die sie haetten schuetzen sollen und denen, die nicht rechtzeitig gehandelt haben und noch immer auf eine Antwort warten.
Waehrend der Fall Agostina das Landes bewegt und empoert, wird im Kongress Argentinies ueber einen Antrag debattiert, der die Strafen fuer falsch eingestufte Berichte erhoehen soll, im Falle von geschlechterspezifischen Gewalt und Kindesmissbrauches. Das Konzept stellt sich selbst als Schutzmassnahme dar. Doch waere das Problem wirklich die zunehmende Gewalt falscher Anzeigen, wuerde die Justiz nicht Maenner frei lassen, die bereits wegen Gewalt gegen Frauen vorbestraft sind. Das Problem ist nicht, dass zu viele Anzeigen erstattet warden.
Das Problem ist, dass die Mehrheit der von Gewalt betroffenen Frauen und Kinder keine Gerechtigkeit erfahren
Falsche Anzeigen in Faellen der geschlechterspezifischen Gewalt sind nicht das wahrhaftige Problem, weil sie weniger als 0,01% der Gesamtheit der Anzeigen global betrachtet erfassen. In Argentinien ist dies auch ein Randphaenomen: Sie machen gerade mal 1 von 1.000 Anzeigen aus.
Das tatsaechlich weit verbreitete und dokumentierte Problem besteht darin, dass die Mehrheit der Frauen und Kinder die gewaltvolle Situationen erleben nicht bis vor Gericht gelangen. Nicht etwa weil es an Beweisen in den Anzeigen mangelt, sondern aufgrund von Angst. Aus Angst, dass man ihnen keinen Glauben schenkt, ihre Kinder zu verlieren, dass sie sich dadurch noch mehr Gefahr aussetzen, dass es sie zu einer Viktimisierung fuehren wuerde, als dass es ihnen Schutz oder Widergutmachung bietet.
Man geht Davon aus, dass fast 90% der angezeigten Sexualdelikte nicht angezeigt werden, nach einer nationalen Meinungsumfrage zu Opferzahlen der “Indec”. In der Gesamtheit der Frauen, erfuhr fast die Haelfte der Argetinierinnen einmal in ihrem Leben Gewalt, aber nur eine von vier Frauen mit Gewalterfahrung suchte nach Hilfe oder schaffte es bis zu einer Anzeige,das ergab sich aus den Daten der nationalen Umfrage der Gewaltpraevention und der Initative “Spotlight”.
Es exisiteiren keine Falschanzwigen von Sexuellem Missbrauch gegen Knder.
Ein Gesetz, welches die Falschanzeigen bestraft, behebt nicht die Angst vor einer Anzeige. Im Gegenteil: Es verstraerkt sie. Wenn Sprechen Konsequenzen nach sich zieht fuer die Betroffenen, ist der Effekt das Schweigen. Man muss sich also fragen: Wen wollen sie beschuetzen?
“Wer Ohren hat, der hoeare” (Mathaeus 11,15)
Die biblische Tradition hat klare Worte ueber das falsche Zeugnis. Das achte Gebot “Du sollst kein falsches Zeugnis ueber deinen Naechsten tun”, ist nicht nur eine Warnung gegen die Luege. Es ist eine Warnung gegen die Erschaffung von Erzaehlungen gegen die Schwaechsten. Davon auszugehen, dass eine Frau luegt bevor man ihr ueberhaupt zugehoert hat, ist eine Form von einer institutionaliserten Falschaussage.
In Matheaus 11 antwortet Jesus all denen, die an ihm zweifeln, die beobachten und doch nichts sehen, die alle Informationen vor sich haben und sich aber fuer taube Ohren entscheiden. Hoeren, im Sinne wie es Jesus nutzt, ist Wiedererkennen, ist Raum geben fuer das, was ein Anderer sagt. Es ist Annehmen, dass diese Stimme es verdient ernstgenommen zu werden, bevor man sie verurteilt.
In der Welt, in der Jesus lebte- als auch in der heutigen- gibt es Stimmen, die vom System gehoert werden und Stimmen, die das System ausschliesst. Frauen und Kinder waren, fast immer, auf der Seite der Ausgeschlossenen.
Denken wir nun: Wem geben wir unser Gehoer?, Wer muss zeigen, dass er es verdient gehoert zu werden, bevor man ihm glaubt?, Was passiert, wenn die Angst vor Unglaube so gross ist, dass das Schweigen sicherer scheint, als das Sprechen?
Ein Antrag an die Legislative, der das Denunzieren bestraft, sendet ein Signal an Frauen und Kinder, dass Sprechen einen zusaetzlichen Preis hat. Das Urteil vor dem Zuhoeren, schafft Misstrauen.
Das Evangelium fordert nicht die Vulnerabelsten auf, ihre Glaubwuerdigkeit zu zeigen, bevor man ihnen zuhoert. Es fordert all diejenigen auf, die ein Gehoer haben, dieses auch zu gebrauchen.
Die geschlechtsspezifische Gewalt ist keine Privatangelegenheit: Sie ist ein soziales, politisches und spirituelles Problem, welches die Gemeinden des Glaubens als auch den Staat zum Handeln auffordert. Es reicht nicht aus, die Gewalt abstrakt zu verurteilen, wenn zur gleichen Zeit Hindernisse gebaut werden, dagegen dass Opfer sprechen koennen.
Ein Glauben, der beschuetzt, kann nicht im Schweigen verbleiben, wenn das Recht auf Aeusserung bedroht ist, darin gehoert zu werden und Gerechtigkeit zu erfahren. Die begleiten, die leise sind, ist eine evangelische Haltung. Deshalb gehen wir an diesem dritten Juni auf die Strasse, gedenken und unterstuezen wir: Nicht eine weniger! Ich hoere zu. Ich glaube. Ich begleite.