Am 50. Jahrestag des Militaersturzes am 24. Maerz 1976, publizierte die Vereinigung der evangelischen Kirchen in Argentinien eine Erklaerung, in der die Verebrechen des Terrorismus des Staates und seine Konsequenzen fuer die Demokratie und Gesellschaft erinnert werden.

Am fuenfzigsten Jahrestag des letzten Staatsstreiches in Argentinien haben sich die evangelischen Kirchen, vereint im argentinischen Verband der evangelischen Kirchen (FAIE) , ihre christliche Haltung aus Ueberzeugung zum Ausdruck gebracht und ihr Engagement fuer die Menschenrechte, wobei sie die Notwenidgkeit bekraeftigen, die Erinnerung aufrechtzuerhalten, die aktiv zu einer gerechteren und menschenwuerdigeren Gesellschaft beitraegt. Die oeffentliche Erklaerung lautet wiefolgt:
„Oeffentliche Erklaerung zum 50. Jahrestag des argentinisches Staatsstreiches“
Wir sagen weiterhin: Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit
„Sofern das moralische Bewusstsein der Argentinier nicht auf ein stammesartiges Niveau gesunken ist, kann nimand akzeptieren, dass Entfuehrung, Folter oder Mord, der als „politische Tat“ oder „Unabwaegbarkeit des Kampfes“ dargestellt werden. Nun, da das argentinische Volk die Regierung zurueckerobert hat und die Kontrolle ueber ihre Institution, uebernimmt es die Verantwortung, in ihrem Namen zu erklaeren, dass der Sadismus weder eine politische Ideologie noch eine Kriegsstrategie, sondern eine moralische Perversion ist.“
- Fiscal Julio Strassera- Plaedoyer im Prozess gegen die Militaerjuntas-1985
Am 24. Maerz 1976, nach genau 50 Jahren einer Militarediktatur, übernahm eine Militärjunta mit Unterstützung verschiedener privilegierter Sektoren der Gesellschaft verfassungswidrig und gewaltsam die Staatsgewalt in der Republik Argentinien. Während ihrer Regierung setzte sie ein wirtschaftliches und politisches Programm um, das einen großen Teil der Bevölkerung verarmte, das Land verschuldete, die Produktionsstruktur zerstörte und uns in einen Krieg führte. Um ihr Vorhaben voranzutreiben, entwarfen sie einen systematischen, feigen und kriminellen Plan, der die Entführung, das Verschwindenlassen, die Folter und die Ermordung von 30.000 Männern und Frauen umfasste. Es waren soziale Aktivisten, religiöse Führer, Gewerkschafter, Studierende, Lehrkräfte, Journalisten und politische Mandatsträger. Sie raubten und eigneten sich alles an, was sie konnten, auch Jungen und Mädchen, deren Identitäten gefälscht wurden. Sie belasteten die Zukunft des Landes und der Demokratie für viele Jahre; so sehr, dass wir bis heute die Konsequenzen tragen.
Das Gedenken an den Staatsstreich muss uns zur Reflexion über die Komplizenschaften, das Schweigen und die Ängste aufrufen, die ein solches Grauen ermöglicht haben. Wie Staatsanwalt Julio Strassera in seinem Plädoyer ausdrückte, gibt es nichts, was die während des Staatsterrorismus begangenen Schrecken rechtfertigt. Das Geschehene anzuerkennen, gibt uns die Möglichkeit zu verhindern, dass sich das moralisch Unannehmbare wiederholt und normalisiert, sowie neue Praktiken zu entwickeln, die uns zu einem Leben in größerer Würde führen.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch nach fünfzig Jahren weiterhin erinnern, Wahrheit einfordern und Gerechtigkeit verlangen.
Erinnerung, die uns dazu bringt, den Mangel an Brot auf den Tischen, das Fehlen von Arbeit, den Vorrang der Finanzspekulation vor der Produktion, die Zerstörung der Wälder, die Vergiftung der Gewässer und die Preisgabe der natürlichen Ressourcen als moralisch unannehmbar abzulehnen.
Erinnerung, weil die Unterfinanzierung des öffentlichen Gesundheits- und Bildungswesens, der Hass auf den Journalismus, elende Gehälter und Renten, herabwürdigende Beleidigungen als Staatsdoktrin, die Verfolgung von Minderheiten und Migranten, Korruption und Unsicherheit moralisch unannehmbar sind. Egal in welchem Namen, welcher Ideologie oder unter welchen Umständen versucht wird, diese und andere Situationen zu rechtfertigen: Sie müssen zurückgewiesen werden.
Erinnerung, um eine Gesellschaft mit sozialer Gerechtigkeit, Wohlstand, Chancengleichheit, Arbeit, Gesundheit, Bildung, Wohnraum und Gesetzen aufzubauen, die die Würde des menschlichen Lebens und die Bewahrung der Güter der Natur für kommende Generationen garantieren.
Wahrheit, damit die Verantwortlichen für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit sagen, wo die Leichname der verschwundenen Personen sind und wo die Kinder sind, die geraubt und mit gefälschten Identitäten übergeben wurden. Die Mütter, die Großmütter und die Angehörigen der verschwundenen Personen und der geraubten Babys haben es verdient, die Wahrheit zu erfahren. Es kann nicht weiter verschwiegen werden. Das Blut klagt weiterhin aus der Erde an, in die es vergoßen wurde.
Wahrheit, um den leugnenden Positionen entgegenzutreten, die versuchen, das Geschehene zu verbergen oder mit Euphemismen zu verschleiern, um das Grauen zu rechtfertigen. Es war kein Krieg; es war ein Völkermord. Wahrheit, um den Verwirrspielnetzen zu entkommen, denen wir täglich durch Medien und soziale Netzwerke ausgesetzt sind, die sich an den Höchstbietenden verkaufen.
Wahrheit, die uns frei macht zu dienen.
Gerechtigkeit, damit die Gesetze eingehalten werden, jedes einzelne davon. Der Staat kann die verabschiedeten Normen zur Gewährleistung von Gerechtigkeit, Wohlstand und Fairness nicht ignorieren. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es keinen sozialen Frieden. Diejenigen, die Recht sprechen, müssen sich des wiedergutmachenden Wertes ihres Amtes für die Opfer bewusst sein. Es ist unannehmbar, dass Gerechtigkeit nach privaten oder unlauteren Interessen geübt wird. Die Augenbinde dient dazu, keinen Unterschied zwischen den Personen zu machen, nicht um Straflosigkeit zu garantieren.
Fünfzig Jahre nach dem Staatsstreich rufen wir als Menschen, die den evangelischen christlichen Glauben bekennen, dem Evangelium treu sind und unserem Herrn Christus nachfolgen, von der Erde zum Himmel:
Erinnerung, um sich nicht zu wiederholen. Wahrheit, um aufzuklären. Gerechtigkeit für den Frieden.
Argentinischer Bund Evangelischer Kirchen«